Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts am Mittwoch, 02.06.2021 mit einem Besuch des Senatspräsidenten Herimanana Razafimahefa.

Schulbus in der Zeit der Corona !

Schulbildung in Madagaskar –

Interview mit Anne und Erich Raab von Freunde Madagaskars e.V. München

Liv Stigler hat nach dem Abitur ein Praktikum im Schulprojekt des Freunde Madagaskars e.V. in Belo Tsiribihina im Südwesten Madagaskars absolviert. Im folgenden Intwerview spricht sie mit Anne und Erich Raab, den Gründern und Leitern des Projektes.

Liv Stigler: Interview mit Anne und Erich Raab (Freunde Madagaskars e.V.)

  •  Wie lange reist ihr beiden schon nach Madagaskar?

Seit 1987 haben wir 41 mal mit jeweils mehrwöchigen Aufenthalten Madagaskar bereist.

  • Seit wann gibt es den Verein Freunde Madagaskar e.V. und was macht ihr in Madagaskar?

Der Verein wurde 1993 in München gegründet und kümmert sich um die Schulbildung der Kinder von Belo sur Tsiribihina, einer Stadt im abgelegenen Westen Madagaskars.

  •  Haben Kinder eine Chance auf Schulbildung? Wenn nein, was denkt ihr sind die Gründe dafür, dass Kinder nicht in die Schule gehen bzw. nur sehr kurz gehen?

Es gibt eine allgemeine Schulpflicht für alle Kinder, die aber vielenorts nicht erfüllt wird, weil es einerseits in abgelegenen ländlichen Regionen in den Dörfern vor Ort oft keine Schulen gibt; andererseits werden Kinder immer wieder vom Schulbesuch abgehalten, weil sie aufgrund der Armut ihrer Familien angehalten sind, im Haushalt (Wasser holen) oder auf dem Felde mitzuarbeiten; und drittens können sich arme Familien oft die Kosten für den Schulbesuch, Gebühren und Schulsachen, nicht leisten.

  • Was macht der madagassische Staat dagegen?

Der Staat versucht vor allem mithilfe internationaler Unterstützung durch Schulbauprogramme die defizitäre schulische Infrastruktur auf dem Lande auszubauen und ausreichend Lehrkräfte auszubilden. Leider reicht das bisher nicht aus. Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt, und der Staat verfügt nicht über ausreichende Mittel zum Aufbau und Unterhalt eines gut funktionierenden Schulsystems; im Gegenteil, der Anteil der Bildungsausgaben im Staatshaushalt ist in den letzten Jahren sogar geschrumpft.

  • Was wäre eurer Meinung nach sinnvoll? Wie kann die Schulbildung des Landes verbessert werden?

Es muss mehr in Bildung investiert werden. Das betrifft zum einen die materielle Ausstattung der Schulen, vor allem aber auch die Qualifizierung des Lehrpersonals. Derzeit verfügen beispielsweise nur etwa 20 Prozent der Grundschullehrkräfte über eine abgeschlossene pädagogische Ausbildung. Das seit einigen Jahren eingeleitete Bildungsreformprogramm PSE (Plan Sectoriel de l’Education) muss zügig umgesetzt werden. Dazu gehört die Abschaffung der Grundschulabschlussprüfung nach dem 5. Schuljahr, die vielen Kindern einen weiterführenden Schulbesuch verunmöglicht, die Einführung einer 9jährigen Schulpflicht in einer durchgängigen Schule für alle, die Umsetzung der ansatzweise begonnenen Abschaffung von Gebühren, die Einführung von Lernmittelfreiheit sowie curriculare Reformen und die schon angesprochene Reform der Lehrerausbildung. Schließlich sollte auch der Schuljahreszyklus – wie die Schulstrukturen noch aus der französischen Kolonialzeit übernommen – den Verhältnissen in Madagaskar

angepasst werden: Im Juli/August, wenn in Madagaskars angenehmen Südwinter beste Lernbedingungen herrschen, sollte Schule stattfinden. Die Ferien hingegen sollten in die Regen- und Zyklonzeit von Januar bis März verlegt werden, denn in dieser Zeit können die Kinder auf dem Land die Schule wegen der schlechten Wetterbedingungen gar nicht erreichen.

  • Inwiefern hängt die dortige herrschende Armut des Landes mit der Bildung eurer Meinung nach zusammen?

Madagaskar ist eigentlich ein an natürlichen Ressourcen und Bodenschätzen reiches Land. Abgesehen von regelmäßigen meteorologischen Katastrophen, verheerende Zyklone, Dürreperioden im Süden und Heuschreckenplagen, müsste das Land damit in relativem Wohlstand leben können. Voraussetzung dafür wäre aber ein durchschnittliches gesellschaftliches Bildungsniveau, diese Ressourcen auch volkswirtschaftlich zu nutzen. Dem entgegen steht seit der Unabhängigkeit von Frankreich eine Entwicklung im Bildungssektor, wonach die gehobenen Schichten der Bevölkerung, ausgestattet mit einer zweiten (französischen) Staatsbürgerschaft, ihre Kinder auf französische und konfessionelle Privatschulen im Land oder sogar zum Schulbesuch und Studium nach Frankreich schickten. Dem gegenüber verblieb ein erheblicher Teil der Landbevölkerung ohne Schulbesuch im Analphabetismus.  

  • Wie glaubt ihr wird sich Madagaskar in Bezug auf Bildung und Armut entwickeln?

Jede madagassische Regierung steht vor der Herausforderung der Bekämpfung der Armut. Leider können wir nur hoffen, dass die gegenwärtige Regierung dabei den Stellenwert von Bildung in diesem Kampf mitberücksichtigt. Weltweit wird Bildung als Voraussetzung der Lösung des Armutsproblems gepriesen, aber im alltäglichen Regierungshandeln haben dann meistens andere Anliegen Priorität.

  • Was haben Privatschulen in Madagaskar für eine Bedeutung?

Etwa ein Drittel der Schulen in Madagaskar sind Privatschulen, bei den Grundschulen sind es nur knapp ein Viertel, bei den Gymnasien dagegen fast drei Viertel. Die Eliteprivatschulen sind 26 französische Schulen, die Mehrheit sind konfessionelle Schulen, allen voran die katholischen Schulen mit über 50 Prozent. Insbesondere die Lobbyisten dieser Schulen wollen das bestehende koloniale Schulsystem erhalten und stehen gegen eine (PSE)-Reform.

Daneben gibt es aber auch einen Wildwuchs von Privatschulen geschäftstüchtiger Schulgründer, die oft sogar unter dem Niveau schlechter öffentlicher Schulen arbeiten und neuerdings vom Schulministerium kritisch hinterfragt werden und sogar vom Verband der Privatschulen mit Ausschluss bedroht werden.

Erich Raab, Soziologe, Vorsitzender von Sakaizan’i Madagasikara – Freunde Madagaskars e.V.

Anne Raab, Sozialpädagogin

Consent Management mit Real Cookie Banner